Tour de Natur

Tagebuch 2002

"Kreative Radtour für nachhaltige Verkehrspolitik und Lebensweise"

Dieses Tagebuch hat Karin Müller Schmied - trotz mancher Handicaps... - in unermüdlichem Einsatz während gut 3 Wochen und über 1000 Fahrrad-Kilometern auf der Vor-, Stamm- und Berlin-Tour geschrieben. Ein ganz herzliches Dankeschön an sie! :))

Hinweis: Die Fotos auf dieser Seite stammen dankenswerterweise von Malte C. Plath oder Uli Görtz (Uli's digitale Bilder waren schon mal ausversehen gelöscht worden, der Speicherchip hat nur noch gesagt, er sei leer... <puhhh...> und die hat nun Olaf Schulz, Tourteilnehmer und Programmierer aus Berlin, in akribischer Kleinarbeit und mit hervorragendem Können aus dem Datennirwana wieder zurückgeholt! Das hat er also wirklich ganz toll gemacht! :-)) .
Die kleinen Vorschaubilder im Text sind anklickbar. Die Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit... oder so. Schöne Bilder, die noch schön passen würden, dürfen auch nachgereicht werden! Ganz viele weitere Fotos von der Tour de Natur 2002, von Konni Schmidt schön übersichtlich nach Etappen gegliedert, gibts übrigens auf www.bike-for-peace.de

 

Demoradtour - Tour de Natur

Samstag, d. 20. 7. 02
55 km Augsburg - Donauwörth/Schäfstall

Ein warmer Sonnentag, ca. 25 °C mit leichtem Wind. Abfahrt in Augsburg halb zwei. Es geht zügiger voran, als ich beim ersten Mal dachte. 20 km in 1 1/2 Stunden! Bin meistens 20 km/h schnell gefahren. Radweg Romantische Straße dann Donau-Lech-Radweg. Feste werden in 2 Ortschaften gefeiert, ein Fest lässt dafür die Ortsdurchfahrt sperren und die Leute sitzen auf ihren Bänken mitten auf der Straße. Sowas sollte es öfters geben - Den Menschen soll die Straße gehören, nicht den Autos!
In der Nähe der Ortschaft Ostendorf sehe ich einen Badesee und nach kurzem Überlegen bade ich kurz in dem kalten Wasser. Nach einer einstündigen Pause geht es weiter, es ist nicht mehr weit bis zum Ziel.
Uff, den "Hausberg" der Familie Ach, den VCD-Aktiven in Donauwörth, den steilsten auf der ganzen Strecke, komme ich nur schiebend hoch. Angekommen bin ich halb sechs, Christian und Olly sind noch nicht eingetroffen. Sie haben auch eine deutlich längere Strecke zu fahren. Nur eine halbe Stunde nach mir kommen sie auch bei der netten Familie Ach an, die uns dann bewirtet.
Der Übernachtungsort liegt 4 km östlich in Schäfstall, es ist ein Heuschuppen mit duftendem Heu - ganz toll!
Eine Wirtschaft ist auch gleich auf dem Hof - was läge näher, als unser Geld dort auszugeben.

Sonntag, 21.7.02
76 km Donauwörth - Vohburg (nach Ingolstadt)

76 km Donauwörth - Vohburg (nach Ingolstadt)
Morgens und abends scheint die Sonne, dazwischen ist es bewölkt und es regnet auch ab und zu kräftig.
Nach einem Pressetermin auf dem Hof, die Familie Ach kennt Gabi (Presse) persönlich, folgt der Aufbruch um 11 Uhr. Ein weiterer Mitradler stößt dazu, es ist Gerald aus Regensburg.
In Leitheim treffen wir auf zwei Radler, die uns dann bis Bertoldsheim begleiten, ein schönes Treffen und interessante Gespräche werden geführt. In Bertoldsheim trennen wir uns: Wir fahren im Regen weiter, während die zwei lieber unter einem Dach des Schuppen eines Bauernhofes auf das Ende des Regens warten.
In Neuburg findet bei unserem Eintreffen gerade ein Fest statt, das etwas unter dem Regen leidet. Es ist inzwischen um halb drei und wir haben nicht viel Zeit - es sind mindestens 40 km noch bis zum Ziel. Nach der kurzen Mittagsrast mit Musik, Kartoffelsalat, Pizza und Fisch (Makrele) fahren wir um drei weiter.
Kaum aus der Stadt heraus, auf der Fahrt zum Jagdschloss Grünau bekomme ich einen Platten am Vorderrad, von einem 5mm großem Glassplitter verursacht. Olly und Gerald wechseln ganz schnell den Schlauch. Weiter geht's in zügigem Tempo nach Ingolstadt und dann nach Vohburg.
Kaum zu glauben, um 18 Uhr stehen wir vor unserem Quartier. Eine Etage haben wir für uns. Abendessen in der Gaststätte, eine vegetarische Platte mit Blumenkohl-Käse-Medallion. Hinterher Eis an der Waffel - lecker!
Die Burg wollen wir noch besichtigen, Olly und ich haben Interesse daran. Sie ist aber bei unserer nächtlichen Ankunft am Tor leider schon zu. Olly erzählt, in der Nähe befände sich eine sehr große Raffinerie der Firma Esso. Mitten im Land soll Öl verarbeitet werden...?!
Wieder im Quartier, flickt Gerald noch vor dem Schlafengehen den durchlöcherten Schlauch.

Montag, 22.7.02
118 km Vohburg - Weltenburg - Fähre - Kelheim - Schwandorf

118 km Vohburg - Weltenburg - Fähre - Kelheim - Schwandorf
Halb acht frühstücken wir, um neun ist Abfahrt. Viertel vor elf kommen wir in Weltenburg am Kloster an, wo auch die Fähre anlegen wird. Das sonnige Wetter hält sich den ganzen Tag, durch den Wind ist es etwas kühl.
In Bad Abbach machen wir Mittagsrast, um 15 Uhr treffen wir an der Brücke an der Donau bei Regensburg ein.
Nun überqueren wir die Donau zum letzten Male und fahren nun die Naab entlang, die an dieser Stelle in die Donau mündet. Ich bekomme Knieschmerzen und werde freundlicherweise von Gerald teilweise geschoben, damit wir schneller vorankommen können. Gerald reist ohne großes Gepäck und treibt in seiner Freizeit Radsport.
In Kallmünz lässt uns ein schöner Bananeneisbecher die Strapazen vergessen. Gerald hat viele Neapolitaner-Waffeln dabei, natürlich helfen wir ihm beim Aufessen.
In Burglengenfeld verabschiedet sich Gerald von uns, wir singen das irische Abschiedslied "Möge die Straße..." (Olly hat es auf sein elektronisches Tagebuch aufgenommen). Er fährt zurück nach Regensburg - mit dem Fahrrad, obwohl Zugverbindung besteht. Wir drei fahren bis Schwandorf weiter.
Auf einer Strecke sehen wir einen Fuchs die Straße überqueren, glücklicherweise fahren gerade keine Autos.
Ich finde in Schwandorf mühelos das Haus der Bettina Drews, unserer Quartiergeberin dieser Nacht. Am Abend laden wir sie und ihren Freund Michael zum Abendessen ein, zum Dank für das kostenlose Quartier.
Ich stelle einen Speichenbruch an meinem Hinterrad fest, trotz vorhergehender Prüfung bei meinem Fahrradhändler in Augsburg.
Spät am Abend torkeln wir ins Bett, es gab so vieles zu erzählen.

Dienstag, 23.7. 02
52 km Schwandorf - Weiden - Zug - Zwickau

Es ist wolkig, leicht regnerisch aber warm.
Abfahrt um 11 Uhr, nach einem schönen Frühstück mit unserer netten Gastgeberin. Sie begleitet uns noch ein Stück bis zur nächsten Ortschaft. Nach der Besichtigung der wunderschönen Kirche in Schwarzenfeld heißt es Abschied nehmen und wir fahren allein weiter. In einer Ortschaft frischen sich Olly und Christian mit einer Tasse Cappucino auf.
Auf dem Weg nach Wernberg-Köblitz treffen wir auf eine Autobahn-Baustelle, die Olly viel fotografiert.
Ich fahre schon vor, da ich wegen der Knieschmerzen nur etwas langsamer fahren kann und so kann ich in meinem Tempo ruhig weiterfahren, während die beiden noch fotografieren. In Wernberg esse ich dann zur Belohnung und zum Ausgleich für den fehlenden Cappuchino eine schöne Apfeltasche. Kurz darauf sehen wir auf einem Berghang ein einzelnes Reh mit einem Kitz, schön anzusehen. Auch sehen wir ein anderes Reh über ein Getreidefeld springen, das sah lustig aus! Trotz der Nähe zur Waldnaab ist es leicht hügelig, so dass Olly und Christian mich abwechselnd schieben, wenn ein Berg bezwungen werden will. Mit großer Anstrengung bekommen wir in Weiden unseren Zug um 14.53 Uhr noch vor seiner Abfahrt.
In Marktredwitz haben wir eine 1 1/2-stündige Aufenthaltzeit, die wir zum Einkaufen für unser Mittagsessen nutzen. Wir müssen dazu ein Stück aus der Stadt rausfahren, um einen Supermarkt anzutreffen. Die Bahnaufsicht erlaubt uns freundlicherweise, unsere Räder über die Gleise schieben zu dürfen. Es gibt ausgerechnet auf unserem Gleis keinen Fahrstuhl, alle anderen haben einen.
Im Zug essen wir dann unsere Mahlzeit, Brot, Käse, Joghurt mit Stracciatella, und Obst. Schokoladenkekse sind auch dabei.
Wir werden, da wir durch Tschechien fahren, insgesamt 3x kontrolliert. Der Personalausweis reicht vollkommen aus. Bei der ersten Kontrolle befindet sich Olly auf dem WC. Es dauert lange, bis er fertig ist, so dass wir schon befürchten, er hätte seinen Ausweis nicht mit und die Grenzler warten schon vor der WC-Tür auf ihn. Das ist nicht der Fall, er musste halt nur so lange drin bleiben. *gg*
In Zwickau kommen wir um 20.54 Uhr an. Anhand eines aus dem Internet gezogenen Stadtplanes finden wir mühelos und ohne Umwege die Schule.
Das späte Abendessen besteht aus Möhren-Wirsing-Eintopf mit Linsen.
Viele von den letzten Touren sind wieder dabei. Ich freue mich so!

Mittwoch, 24. 7.02
52 km Zwickau - Gera

Ein wolkenbehangener, kühler und etwas tröpfelnder Tag begleitet unsere erste Tour de Natur-Etappe.

OB  VettermannAngelika Zahrnt (BUND) Um Neun frühstücke ich, halb zehn ist Abfahrt zu dem nur ca. 300 m entfernten Marktplatz. Dort erfolgt die erste Kundgebung der Tour, Stadtvertreter, Vogtlandbahn, Klaus der Geiger und natürlich die Presse sind da. Klaus der Geiger

Klaus der Geiger veranstaltet zum Schluss der Kundgebung, kurz vor der Abfahrt, mit uns ein Fahrrad-Klingelkonzert. (zu diesem Zeitpunkt wollten wir schon unbedingt los ;)
Halb elf erfolgt der Startschuss unserer Tour.

Holzhof Nischwitz Über Werdau geht es nach Nischwitz, wo wir im Holzhof Mittagsrast machen, mit einem Plenum, das durch einen Regenguss etwas frühzeitig beendet wird. Es gibt Gemüsesuppe mit Kardamom gewürzt. Ich habe mich etwas hingelegt - bin müde heute.

Auf einem Halt vor Nischwitz schicken wir unsere Schnippelgruppe vor. Kurz darauf, nach unserer Abfahrt, halten wir an - ein Junge aus der Schnippelgruppe ist gestürzt und hat sich Schürfwunden an den Knien und Zehen zugezogen. Gleich rechts sind mindestens 2 Mirabellenbäume, gelbe und rote. Ich pflücke die roten, weil da weniger Leute sind und auch nicht so viele am Baum hängen. Einige davon sind noch nicht reif.
Hügel über Hügel und dazwischen längere Abfahrten. Mit meinen Knien ist das nicht leicht. In Gera fahren wir am Flughafen entlang, um den Baudezernenten der Stadt und den stellvertretenden Landesvorsitzenden des Thüringer ADFC aufzunehmen. Auf dem trostlosen, leeren Marktplatz (da befinden sich mind. 5-6 Häuser in total schlechtem Zustand und viele werden nicht mehr benutzt) machen wir unsere kurze Darbietung. Ich gehe, ein wenig später und noch während der Kundgebung, mit Katja und Marita in die Arkaden der Stadt Gera. Dort sind die Leute, die auf dem Marktplatz fehlten. Mit Knusperflocken, Melonen und Vollmilchbrocken, Neapolitaner nicht zu vergessen, beladen geht's zurück zum Platz, wo sie gerade abfahren wollen.

Die Turnhalle befindet sich bis auf den Hallenboden in schlechtem Zustand, Löcher in der Decke und in den Wänden, geflickte Glasscheiben in den großen Fenstern. Die Halle liegt abseits von jeglichem Wohnhaus, so dass wir uns ungestört unserer Musik hingeben können. Halb 12 - ich bin müde, wasche noch meine Wäsche und mich selbst - dann aber ab in die Falle!
Am Abend findet auch eine Podiumsdiskussion zum Bahnverkehr in Thüringen statt. Ich bitte Gerd Weibelzahl, davon ins Tagebuch zu schreiben, weil ich zu müde bin, um dorthin mitgehen zu können.

Podiumsdiskussion - aus der Sicht von Gerd Weibelzahl.

Gera ist mit 120.000 EW vom Fernverkehr der Bahn abgehängt. Weiterhin haben wir über die Verknüpfung Stadtverkehr - Bahn diskutiert. Der Vertreter der Stadtwerke Gera referierte über den Umsteigepunkt Stadtverkehr - Bahn am Bahnhof Gera. Dort wird eine neue Unterführung gebaut, so dass man von der Bahn direkt in die Tram umsteigen kann. Des Weiteren wird eine Fahrradstation gebaut. Sehr lobenswert, innovative Ideen. Außerdem ist eine neue Stadtbahn geplant. Mir aber macht die Einwohnerentwicklung Sorge, Gera soll um ein Drittel (!!) schrumpfen. Was wird dann mit der Straßenbahn? Die anderen Vertreter, Herr Mayer von der Nahverkehrsservice-Gesellschaft und Herr Wante von der DB, diskutierten über die Mitte-Deutschland-Bahn. Der Ausbau ist wichtig und geht - aber langsam - voran. Für Gera ist diese Verbindung wichtig, z. B. damit Menschen dort wohnen bleiben und z. B. nach Jena in zumutbarer Zeit zur Arbeit fahren können. Ich habe dann nach der Gültigkeit des Verkehrsvertrages DB - Land gefragt, da der ähnliche Vertrag in Sachsen-Anhalt ja als rechtswidrig gewertet wurde. Genaues haben die Vertreter nicht gesagt. Vielleicht ändern das ja die Gerichte. Ansonsten muss man sagen, dass sich im Bahnverkehr Thüringens viel getan hat.

Donnerstag, 25.7.02
32 km Gera - Stadtroda

Heute ist eine kurze Etappe angesagt. Mit leichtem Regen und Sonnenschein kommen wir mittags schon in Stadtroda an. Keine Kundgebung auf dem Marktplatz, da dieser gerade umgestaltet wird.
Nach dem Mittagessen finden Workshops statt. (Theater, Tanzen, Demorecht, Plakate-AG,...)
Gegen 18 Uhr findet ein Gespräch mit dem Beigeordneten der Stadt auf dem Schulhof statt. Er gibt uns als Wunschzettel für Berlin folgendes mit: Mitte-Deutschland-Verbindung, einen besseren ÖPNV???
Während der Plakate-AG werden die Plakate für Jena gemalt (Radwegelückenschluss und Bürgerbüro-Parkplatz-Umgestaltung).
Bei einem anschließenden Plenum, nach einem Spiel von Olly mit der Fläche und 20 Personen, werden die Organisatoren der Tour mit den Tourteilnehmern bekannt gemacht. Dabei wird auch ein Tagebuch-Schreiber gesucht. Christine schlägt mich vor, nach einigem Zögern nehme ich diesen Hut an.
Auf meiner privaten nächtlichen Fahrt durch Stadtroda stellt sich heraus, dass wir sehr gut auf dem großen Parkplatz mitten in der Stadt unsere Kundgebung hätten durchführen können (wo wir aber nicht hin durften, da dieser offenbar Privatgelände ist).

Freitag, 26.7.02
47 km Stadtroda - Jena - Weimar

In Jena besuche ich ganz kurz meine Oma, die auf dem Weg ins Zentrum wohnt. Ich komme noch rechtzeitig zur Kundgebung auf dem Holzmarkt an, um Theater spielen zu können. Es folgen dann die Übergabe des Radwege-Lückenschlusses (Weimar - Jena) und der Bürgerbüroparkplatz-Umgestaltung. Es wird getanzt und Musik gemacht.
Dann geht es weiter. Mittagsrast an der schönen Wasserburg Kapellendorf, die wir besichtigen können. Viele Neue sind dazugekommen, darunter Annka mit ihrer Tochter Runa, Kalle Böhmer mit Tina und seinem Sohn Lenny.
In Weimar sind unsere Musiker schon da und spielen auf. Dadurch haben wir etwas mehr Publikum als sonst. Auf dem Theaterplatz steht das Goethe-Schiller-Denkmal, das wir mehrmals mit unseren Rädern umkreisen, das erregt Aufsehen bei den Passanten. Auch die Bundestagsabgeordnete und -kandidatin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, ist da und redet zu uns und den Passanten.
Die Übernachtung erfolgt in der Waldorfschule in Oberweimar, genau am anderen Ende des großen Goetheparkes.
Dort schlafen wir größtenteils in den Schulräumen; der Platz ist etwas knapp, aber es reicht.
Am Abend gibt es tolle Musik, einige ortsansässige Musiker sind erschienen und mit unseren Musikern spielen sie schöne Lieder. Von Trommel, Blockflöten, Gitarre, Querflöte, Geige und Akkordeon ist vieles vertreten. Auch kommen 4 jugendliche Bläser, die am frühen Abend für eine Spende Musik machen. Besuch von 2 Polizisten, die spät in der Nacht zu uns kommen, weil wir manchen Anwohnern wohl etwas zu laut sind.

Samstag, 27.7.02
61 km Weimar - Erfurt - Gotha

61 km Weimar - Erfurt - Gotha
Sonne - das erste Mal, dass sie den ganzen Tag scheint.
Die Abfahrt ist planmäßig um 10 Uhr, was auch geschieht. Allerdings sind einige noch nicht fertig. So kommt es, dass sich zunächst große Lücken bilden, bis wir schließlich doch noch geschlossen das Stadtzentrum erreichen.
Viele lange Aufstiege, einige Abfahrten bis Erfurt. In Erfurt verliere ich mit Olly die Gruppe, aber am Fischmarkt treffen wir sie wieder an. Olly wollte nämlich unbedingt bei einer Esso-Tankstelle fotografiert werden ;). Er ist Esso-Gegner, wenn's noch keiner gemerkt hat...
Da wir spät dran waren, gab es außer Musik am Anfang und Ende nur Gespräche mit den Erfurter Politikern.
Ich treffe eine Schülerin aus meiner Schwerhörigen-Schule und wir unterhalten uns. Sie ist erstaunt, dass ich da ohne weiteres bei so einer großen Gruppe Hörender mitfahre. Schnell kaufe ich noch einen Film ein und hole ein Eis beim Riva, das mir gut schmeckt.
Die darauffolgende Mittagsrast im Luisen-Park an der Gera in Erfurt bringt uns nur Brot mit Aufstrich ein und zuwenig Tee. Es ist nicht ausreichend genug für uns alle da. Viele sind davon nicht begeistert.
14.45 Abfahrt nach Gotha, langer Anstieg aus Erfurt heraus bis Schmira, dann Ebene und Abfahrt nach Gotha, die wir zum Teil ins Quartier nochmal hochfahren werden. In Frienstedt eine kurze Pause, die von vielen sinnvoll genutzt wird und anschließend wieder eine Abfahrt auf der B7.
In Gotha fahren wir gegen 17 Uhr auf dem Neumarkt ein. Es gibt Musik und Tanz, der Stellvertreter des OB spricht mit uns und ich selber begrüße meine Eltern, die auf uns gewartet haben. Vor der Abfahrt gibt es wieder Musik. Es sind zwar nicht überwältigend viele Passanten da, aber einige sitzen auf der Bank und sehen das Schauspiel an, was ihnen offensichtlich Spaß macht. Die Gäste des Cafes auf dem Marktplatz haben wir leider mit dem Schauspiel nicht angesprochen. Heute wird kein Theater gespielt, schade!
Ich treffe während der Veranstaltung Herrn Nico Schiewer, den Vorsitzenden des "Gothaler Tauschringes". Mit ihm bespreche ich die Abendgestaltung.
In der Unterkunft, einer gut erhaltenen Turnhalle mit viel Wiese ringsum, wird am Abend wieder Musik gemacht.
Wir bemerken, dass einige Jugendliche entweder nur Bier trinken oder vielleicht doch in die offene Getränkekasse greifen wollten, das weiß ich nicht genau. (Soweit ich mich erinnere, hat sich dann herausgestellt dass es Jugendliche waren die am nächsten Tag mitfahren wollten, ich bin mir aber nicht mehr sicher, Anm. von Christine Pönisch). Es werden jedenfalls Wachen aufgestellt, um dies zu unterbinden.
Spät in der Nacht, gegen halb elf, kommt Nico mit Bernd Reif und sie sprechen mit bis zu 7 Tour-Teilnehmern über Tauschringe und deren Alternativen. Es werden interessante Fragen gestellt und von Bernd oder Nico ausführlich beantwortet. Die Resonanz ist gut und beide sind zufrieden, als wir uns verabschieden.
Nachdem sie gegangen sind, wird im kleinen Kreis weiter über Tauschringe diskutiert.

Sonntag, 28.7.02
68 km Gotha - Eisenach - Gut Hohenhaus (bei Holzhausen/Herleshausen)

Heute habe ich Klaus von Bültzingslöwen gebeten, diese Etappe aus seiner Sicht zu schildern.
Ganz unten sind noch einige Anmerkungen von mir, was noch an diesem Tag geschehen ist.

Meine erste komplette Etappe auf der Tour de Natur, nachdem ich in Gotha auf dem Marktplatz dazu gestoßen war. Es ist die bisher längste Etappe und, wie alte Hasen berichten, zum ersten Mal Sonne pur bei der Tour de Natur. Sie meint es fast zu gut, 30 °C im Schatten sind ja kein Pappenstiel. ehr beim Rädchenbiegen

So sind wir froh, als nach 2 Stunden Fahrt das erste Zwischenziel erreicht ist: Kooperative Haina, eine Kommune mit 20 Erwachsenen und ebenso vielen Kindern, die sich zum Ziel gesetzt hat, neue Lebens- und Arbeitsformen zu entwickeln. Ein Produkt ihrer Arbeit konnte im Direktverkauf erstanden werden (Ziegenkäse in vielen Gewürzvariationen). Es war 13.30 Uhr, als die Gaststätte Kahlenberg erreicht wurde, natürlich pünktlich wie bei der "ehemaligen Post". Jedem sah man an, dass er oder sie ausgepumpt war und sich nach Essen und Trinken sehnte.
Zu der Mittagspause unterhielt ich mich mit dem Mandolinenspieler, der von den Freiberger Bäckereien schwärmte und seit der Wende sein Brot selber bäckt.
Auch unterwegs ergaben sich immer wieder neue Gespräche und Kontakte, so dass Strapazen und Hitze zur Nebensache wurden.
In Eisenach auf dem Marktplatz hatte unser Klingelkonzert unter Leitung von Geiger Klaus Premiere. Es klappte hervorragend und wir und die Leute waren begeistert. Klaus, wir danken Dir für diese Idee, so hat Eisenach eine bleibende Erinnerung von der Tour de Natur.
Auch gegen Ende ließen wir uns von Hitze und Kilometerzahl nicht unterkriegen: Im Tunnel unter der Autobahnbrücke bei Eisenach wurde mächtiger Gesang gegen Autobahn und Autoverkehr angestimmt, imposant!
Wer seine Kräfte nicht richtig eingeteilt hatte, der starb sicherlich am letzten Anstieg zum Gut Hohenhaus, unserem Tagesziel. Wolf hatte es gut, der wurde von rechts und links geschoben. Seine Frau Helga hätte Hilfe viel nötiger gehabt. Sie hat die letzten Meter fast nicht überlebt. Für die nächste Tour de Natur will sie das Vorbereitungstraining zusammen mit Wolf forcieren.

Hohenhaus Das Gut Hohenhaus spielt im Kampf gegen den Bau der A44 eine bedeutende Rolle. Entsprechend herzlich war der Empfang durch den Stefan Boschen.
Zu dieser Nacht zog ich es vor, in der Stallung der Schafe auf weichem Stroh zu nächtigen.
Klaus von Bültzingslöwen

Karin Müller Schmied:
Morgens, noch vor der Abfahrt, verabschieden wir uns mit Musik von Eps, der leider andere Verpflichtungen wahrnehmen muss und erst in Berlin wieder zu uns stoßen wird, er wird dort ein Workshop zum Kongress machen.
In der Gaststätte Kahlenberg lassen die Besitzer uns nur unter einer Bedingung in ihrer Wirtschaft ausruhen, die wir gerne erfüllen: ein Eintrag in das Gästebuch, den Karsten Herz dichtet und ich hineinschreibe und dazu unser Tour-Emblem male.
Die Dusche auf dem Gut Hohenhaus ist eine Schlauch-Brausen-Improvisation mit kaltem Wasser und einem "Zimmer" aus dünnen hohem Gebüsch und Wiese.
Ein kleiner Workshop zur Vorbereitung der Podiumsdiskussion in Eschwege findet auf der Wiese statt. Es ist sehr interessant.
Am Abend am Lagerfeuer male ich mit Hilfe mehrerer Taschenlampen und mit Peter zwei große Bilder, eines die unberührte Natur und eines mit der Autobahn quer über die Landschaft.

Montag, 29.7.02
28 km Gut Hohenhaus - Blaue Kuppe - Eschwege

28 km Gut Hohenhaus - Blaue Kuppe - Eschwege
Sonniges Wetter und sehr warm, dafür kurze Etappe heute.
Gleich nach dem Start beginnt ein sehr langer Anstieg und ich habe heute nicht besonders gut frühstücken können. Daher bin ich nicht in meiner Bestform. Den Anstieg aber schaffe ich ganz gut, wenn auch langsam. An der Stelle, wo wir dann auch Mittag essen, sagt uns Wolf von Bültzingslöwen, dass wir zum ersten Mal diesen Anstieg schneller als geplant überwunden haben. Die Belohnung erfolgt gleich darauf: 15 Minuten länger Mittagspause!
Diese nutzt Gerd, um die Podiumsdiskussion in dieses Büchlein zu schreiben.

Blaue Kuppe Weiterfahrt zur Blauen Kuppe, wo wir eine Exkursion über diese Vulkanlandschaft machen. Ich bin auf den Gipfel gestiegen, aber nicht ohne weiteres komme ich da wieder runter. Blaue Kuppe

Klaus der Geiger, Daniel, Nico und ich fahren dann ca. 30 min vor der regulären Abfahrt nach Eschwege, um Musik zu spielen. Den Rathausplatz finden wir mühelos, Klaus und Daniel fangen schon zu spielen an, während ich einen Höregeräteakustiker aufsuche, um mein Hörproblem zu lösen. Ich höre nur noch wie durch Nebelschleier oder als ob Wasser in den Ohren ist. Dieses Problem hat sich, wie sich leider nach einer halben Stunde herausstellt, nicht so einfach lösen lassen. Nach einer kurzen Phase guten Hörens fängt es wieder an...

Noch ca. 15 min spielen wir, dann kommt schon unsere Gruppe. Ein Klingelkonzert mit Klaus bringt den Passanten viel Spaß. Eine Ansprache und Begrüßung durch Frau Jünemann vom Tourismusbüro folgt, dann das Theaterspiel und zum Schluss die Übergabe der beiden Bilder durch mich an Frau Jünemann. Für eine sehr schöne Überraschung sorgt Frau Jünemann, indem sie stapelweise Kisten mit Mineralwasser anliefern lässt, die wir dann auch schnell austrinken.

Nach dem Aufsuchen unserer Unterkunft fahren viele zum See baden - es ist sehr schön. Heute Abend wird es eine Podiumsdiskussion zum Thema: "Wie viele Arbeitsplätze schafft die A44?" geben. Viele gehen hin, einige aber bleiben...auch ich, weil ich erstens sehr müde bin und zweitens nicht gut hören kann und das Hören allein mich ganz schön anstrengt.
Am Abend treffen Freunde von Klaus dem Geiger ein, eine Musikgruppe mit dem Namen Klangzeitwirkung. Es wird schöne Musik gemacht - das ist wieder ganz toll. Ich schlafe heute auf der Wiese, was ich schöner finde, als in der Turnhalle zu schlafen.

Podiumsdiskussion am Abend (von Wolf geschrieben)

Inhalte: Wie viele Arbeitsplätze schafft die A44?

Teilnehmer/Teilnehmerinnen:
Herr Herrwig (Bürgermeister von Hessisch-Lichtenau und heftigster Autobahnbefürworter)
Herr Germeroth (Chef der IHK Werra-Meißner und Chef eines medizintechnischen Betriebs)
Herr Burkhardt (Besitzer des Ecopan-Verlags)
Frau Sigrid Erfurth (Vertreterin des AVN = Gegner der Autobahn)
Herr Prof. Gather (Uni Erfurt, Verfasser einer Studie zur Arbeitsplatzwirkung von Autobahnen)
Moderation: Sabine Räuschel.

Es standen die beiden alten Thesen gegeneinander:

Prof. Gather konnte eine durchgängige Wirkung von Autobahnen nicht nachweisen. Inhaltlich gab es keine Annäherung. Ich persönlich habe am Ende mit meinem Bürgermeister über die Situation nach dem A44-Urteil geredet und ihm versucht, deutlich zu machen, dass er auch mein "Meister" ist und ich von ihm Schutz und Deeskalation erwartet hätte anstatt Öl ins Feuer zu gießen.

Wolf von Bültzingslöwen

Dienstag, 30.7.02
55 km Eschwege - Dankmarshausen

Sonniger Tag, Mittagessen in der Berlitzgrube mit vorhergehendem Vortrag über das Einspruchverfahren gegen die Autobahnplanung (Planfeststellungsverfahren). Die Eigentümer Gebrüder Buttlar haben ein Gutachten erstellt (Kosten ca. 150 TDM). Der Erörterungstermin steht bevor.
Auf der Fahrt zur Berlitzgrube hinauf werden die Gebrüder von uns aufgehalten, da wir hinten Fahrenden nichts von deren Beteiligung wissen. Da haben wir doch glatt den Gebrüdern den Zugang zu deren Grundstück verweigern wollen ;)
Auf der Strecke, wobei vieles nicht so hinhaut wie es organisatorisch soll (Einigung mit Polizei über Streckenführung, trotzdem Spontandemo), fährt ein Fernsehteam mit, um uns zu filmen. Entgegen der Planung von Wolf und Klaus fahren wir über Wommen, um uns einige Berge zu sparen. Bei Neustädt gibt es noch einen außerplanmäßig längeren Halt, wo uns eigentlich nur die Thüringer Polizei wieder übernehmen soll, weil ein Eisverkaufwagen neben uns hält.
Er fährt gerade an uns vorbei und sein schneller Entschluss, Eis zu verkaufen, löst bei uns Begeisterung aus (leider nicht bei den Organisatoren, die schon unter Zeitdruck stehen :-). Wir stehen Schlange, und es dauert sehr lange, bis er einen einzelnen bedient hat. Da hat Jürgen, unser Begleitbusfahrer, den rettenden Einfall, die Bezahlung zu übernehmen und das Geld von uns am Abend oder am nächsten Morgen zurückzubekommen. So kommen nun alle viel schneller zu ihrem Eis.
Kurz vor Dankmarshausen gibt es eine Exkursion zum Naturschutzgebiet Rhäden, am ehemaligen Grenzstreifen.
Am Abend gibt es unseren Offenen Abend in der Gaststätte "Zum Adler". Unter anderem macht Klaus der Geiger mit der Gruppe Klangzeitwirkung (3 Musiker) Musik, Wolf trägt Gedichte von Ringelnatz vor und Thomas steuert eigene Gedichte bei. Weiter geht's mit Musik von Klaus, Daniel, Wolf und mir. Tino singt mit Uwe und Wolf das Lied von der (Radfahrer-)Einheitsfront. Wolli spielt Tonaufzeichnungen unter anderem von Volkmar Gerstein, unsererm Durchsager auf der TdN früherer Jahre, ab - er hat sich mehrmals auf lustige Weise versprochen. Zum Schluss gibt es Improvisationstheater, von Peter organisiert.
Erst spät - "ist etwa 2 Uhr schon vorbei?" - gehen die letzten zur Turnhalle zurück. An der Turnhalle wird noch lange leise geredet und getrunken.

Mittwoch, 31.7.02
58 km Dankmarshausen - Kaltensundheim

58 km Dankmarshausen - Kaltensundheim
Der Tag beginnt sonnig, am Nachmittag regnet es heftig.
Ich bekomme allmählich Atemprobleme - sicherlich durch den Hund des Mampfmobils verursacht, da ich eine Tierhaarallergie habe. Meine Hörprobleme werden auch nicht besser. So entschließe ich, mich gleich zu Beginn von der Gruppe zu lösen und nach Eisenach zu fahren. Ich fahre zum nächsten Bahnhof, mit dem Zug weiter nach Eisenach. Dort suche ich eine HNO-Ärztin (und Allergologin) und einen Hörgeräteakustiker auf. Das Problem des Hörens wird endlich gelöst und ich kann wieder schön klar hören! Die Ärztin gibt mir Medikamente für meine Allergie mit und rät mir, sportliche Aktivitäten zu vermeiden.
Dann fahr ich mit dem Zug nach Bad Salzungen, von dort mit dem Bus nach Stadtlengsfeld, wo ich erst auf die der Tour entgegenfahrenden Polizisten stoße und später auf die Tour selbst. Während der Busfahrt regnet es ganz heftig. Was bin ich froh, dass mich der Busfahrer mein Fahrrad ohne weiteres mitnehmen lässt.
In Vacha (da war ich nicht dabei, Uli hat mir dies zugeflüstert) gibt es am Bahnhof einen Infotermin mit dem Bürgermeister und einem Vertreter der Tourismusgemeinschaft zum Streckennetz:
- Ausbau des Streckennetzes ist schwierig (ehemalige Kaliabbaustrecken)
- keine Züge außer Touristenfahrten mit historischen Zügen
- hauptsächlich Busverkehr
- gutes Radwegenetz Werra, Feldatal, ...
Das Mampfmobil hat einen Schaden am Auto und kommt nicht zum Treffpunkt, wo die TdN Rast macht. Der Begleitbus muss zum Mampfmobil hinfahren und das Essen holen. Es entsteht eine Stunde Verspätung, die wir aber später wieder einholen können, weil wir im Regen schneller als gewohnt radeln und weil Christine die Strecke auch etwas zu lang geschätzt hat. Doch diese Zwangspause hat sogar etwas Gutes, sie bewahrt uns nämlich davor, in den schlimmen Hagel zu geraten, der kurz vor unserer Ankunft in Kaltensundheim niedergeht.
In Kaltensundheim angekommen (ich fuhr mit dem Begleitbus) werden die Hagelflächen begeistert begrüßt: "hier ist Winter mitten im Sommer ;)". Es hat dort 1 cm große Hagelkörner gehagelt. Erst geht es zur Halle, dann zum Bioladen aus der Region. Dort kaufen wir ein, trinken Kaffee und essen belegte Brote/Fisch. Es folgt eine Besichtigung der Rhönhöfe - ein sehr großer Biohof mit vielen Kühen. Es wird sehr anschaulich gemacht, wie der Alltag der Kühe und der Bauern in solch einem Großbetrieb aussieht. Manch einem kommt da eher die Assoziation "Massentierhaltung" anstatt die Vorstellung von einem Bilderbuch-Biohof.
Am Abend folgt ein Vortrag über die Biosphärenreservate, an dem ich wegen Müdigkeit nicht teilnehme.
Dagegen habe ich ein anderes Problem. Ich habe Schwierigkeiten, das Tagebuch weiterzuführen, weil mir der Druck der Aufgabe im Moment etwas zu groß wird und ich schon im Rückstand von 2 Tagen bin. Kalle hat mir dann darüber hinweggeholfen und mir einen Weg gezeigt. Ich fasse mich nun während der Tour kürzer, hier schreibe ich die Stichpunkte für euch aus.

Donnerstag, 1.8.02
63 km (86 ohne Bahn) Kaltensundheim - Meiningen - Süd - Thüringen - Bahn - Themar - Bad Rodach

63 km (86 ohne Bahn) Kaltensundheim - Meiningen - Süd - Thüringen - Bahn - Themar - Bad Rodach
Das Wetter ist regnerisch, zu Pausen scheint aber immer Sonne - ein Wunder!
Eine Gruppe von ca. 20 Tourteilnehmern fährt etwas früher ab als der Rest. Ich bin auch dabei - wir wollen in Meiningen das Dampflokwerk besichtigen. Bei dieser Fahrt regnet es heftig und bei Arndt reißt obendrein auch noch ein Bremsseilzug, den er provisorisch repariert.
Am Bahnhof in Meiningen treffen wir die Gruppe wieder, die inzwischen auch dort eingetroffen ist und gerade zu Mittag isst. Der Bürgermeister und ein Beauftragter des Landkreises erscheinen aufgrund unserer Einladung und sprechen mit uns. Eine Besichtigung des Betriebhofes der STB folgt, dann ist für die Radreisenden Abfahrt. Die mit der Bahn fahren wollen, nehmen das Gepäck vom Fahrrad und laden das Rad ein - das Gepäck kommt in ein Abteil des Fahrradwagens der DB. Die Mechaniker von der STB sind gut ausgestattet und können die abgebrochene Deichsel an Uli's Anhänger wieder anschweißen. Um 14 Uhr ist Abfahrt - der Zug ist proppenvoll.

Wie ich später, während der Korrektur für das Tagebuch, von Herbert erfahre, hat die STB sich sehr viel Mühe gegeben, unserem Wunsch, mit der Bahn transportiert zu werden, nachzukommen. Die Fahrzeuge wurden mit der Muttergesellschaft, der Erfurter Industriebahn getauscht, um den DB-Wagen für die Fahrräder anhängen zu können. Was ganz toll von der STB war: die Zugfahrt war kostenlos!
Hier ein Dankeschön von uns allen!

In Themar kommen wir an und warten dort auf die Radfahrenden. Inzwischen ist Presse da und einige gehen in den nahen Supermarkt einkaufen.

Bei einer Rast zwischen Themar und Bedheim beschließt die Musikgruppe, aus Wolf, Klaus von Bültzingslöwen, Suse, Anka, Peter und mir bestehend, nach Bad Rodach vorzufahren. An einem ruhigen Stück halten wir an und machen Rast. Dabei finden wir Äpfel und ich Schafwolle, die sich neben der Bank im Gestrüpp verfangen hat. In Bad Rodach machen wir Musik vor der Turnhalle.

Währenddessen fuhr die eigentliche Gruppe eine andere Strecke - durch den von uns vermiedenen Schotterweg. Ich wusste von seiner Existenz und meinte, dass das nicht empfehlenswert sei - auch wenn er viel kürzer ist. Die Organisatoren haben diesen Weg geplant, weil die Leute aus Bad Rodach gesagt hatten, dass er gut zu fahren sei. Bei einer Rast machen die Teilnehmer einen Ernteeinsatz - es werden kistenweise Mirabellen gepflückt, die der Begleitbus dann transportiert.
In Bad Rodach gibt es ein Wiedersehen mit der Tourgruppe, auch mit den Franken, die unsere Tour unterstützen. Die Kundgebung verläuft gut, leider ohne Tanz und Theater - wo ist das Publikum?? Arndt hat den Lückenschluss zwischen Bad Rodach und Hildburghausen gemalt und übergibt ihn symbolisch der Stadtverordneten.
Am Abend gibt es eine tolle Nachtwächterführung (Danke Gudrun!) und dann einen musikalisch begleiteten Tanzabend u. a. mit fränkischen Tänzen. Manche üben sich auch in Jonglage. Es macht vielen viel Spaß.

Freitag, 2.8.02
Bad Rodach - Staffelstein

Morgens verabschieden wir uns mit unserem irischen Abschiedslied ("Möge die Straße...") von Christine Pönisch als Tourleiterin, die als solche nicht mehr mitfahren wird. Vielleicht aber als normale Teilnehmerin der Tour de Natur.
In Bilmuthausen machen wir Rast mit einem Vortrag über das geschleifte Grenzdorf (Ebenhausen und weitere Dörfer waren auch davon betroffen) mit einem kurzen Gottesdienst.
Vor der Abfahrt muss Ralf vor den Augen der Polizei sein Polizei-Tshirt ausziehen, auf Forderungen der Polizei eingehend. Er faltet es schön langsam zusammen, dann nimmt er eines der Hasen-Tour-T-Shirts, zieht es würdevoll an und dreht sich um, damit alle die rammelnden Hasen sehen können. Mit der selben Langsamkeit und Würde übergibt er der Polizei ein Hasen-Tshirt und ein weiteres Tourshirt. (Zuvor: Die Polizei wollte nicht, dass ein Nicht-Polizei-Mitglied ein solches T-Shirt trägt, wie Ralf es hatte und drohte nun).
Mit Verspätung fahren wir weiter nach Seßlach, wo die Musikgruppe voraus gefahren ist. Diese besteht heute aus anderen Leuten.
In Seßlach empfängt uns aber keine Musik - ich wundere mich ein wenig. Jedenfalls geht alles andere planmäßig über die Bühne. Mit dem Bürgermeister sprechen wir, Klaus Schotte und Gerd Weibelzahl halten das Gespräch mit ihm. Es wird wieder der große Bierkrug überreicht, aus dem alle, auch ich, einen Schluck trinken. Das Mittagessen findet hinter dem Rathaus statt. Während der Kundgebung trudelt schließlich auch die Musikgruppe ein - sie hatten sich verfahren.

A73 NIE in Bad Staffelstein Weiter geht's nach Staffelstein. Dort machen wir eine sehr lange Kundgebung mit Tanz, Theater und Musik. Toni Reinhard spielt auf der Querflöte. Ich bin heute nicht in der Lage, Flöte zu spielen, weil die Allergie zugenommen hat. Stattdessen verteile ich fleißig Flyer, was einige weitere, durch mich angespornt und auf meine Aufforderung hin, auch tun. Jonglage
Uli... Die Übernachtung findet wieder im Kindergarten statt - diesmal schlafe ich auf der Wiese. Es wird mit allen ein Plenum abgehalten, wo jeder sagen kann, wie ihm die Tour gefallen oder auch nicht gefallen hat. Später findet eine Mampfmobilvorstellung statt. Gerd Weibelzahl bietet eine Führung zum Staffelberg an, und das Angebot nehmen einige gerne an. Am Abend Lagerfeuer an einem See/Freibad, wo auch Musik gespielt wird.

Uli, Staffelberg

Spät wanke ich wieder in den Schlafsack, das Lagerfeuer war schön, wenn auch zu wenige Leute den Weg dorthin gefunden haben.

Sonnabend, 3.8.02
Staffelstein - Coburg

In Trieb/Nassanger machen wir Halt und hören uns dort einen Vortrag über die Autobahn und ICE-Strecke an. Die Presse ist auch da. Eine Umgehungsstraße von Trieb nach Hochstadt soll durch das Naturschutzgebiet entlang der Bahnstrecke gebaut werden. In Trieb selbst gibt es eine große Gegenoffensive - es werden Plakate gesichtet, die sich gegen den BUND und den Naturschutz richten.
In der Domäne Sonnefeld gibt es Mittagessen - es wird keine Kundgebung gemacht. Auf der kommenden Strecke entschließt sich ein Teil von uns, eine Spontandemo durchzuführen, da die Polizei uns auf Radwegen nach Coburg führen möchte, obwohl die Bundesstraße gleich daneben verläuft. Ca. 30 Leute von uns haben beim Mittagessen dann sehr getrödelt, so dass wir (ich fahre im Begleitbus) ohne sie abfahren. Nach Aussagen der Spontandemoradler haben sie so lange gewartet, bis die Polizei abfuhr. Dann fuhren sie auf die Bundesstraße. Natürlich war die Polizei in Form von Motorrädern gleich wieder da - zwei für die ordentlich fahrende Demoradtour und zwei für die Spontandemo.
Die Spontandemo war am Treffpunkt viel früher da, ca. 5 min. Die normale Tour hatte auf einem der vielen Stücke Radweg wegen Glasscherben sogar zwei Radunfälle. (Anm. von Christine Pönisch: Wir haben uns nach der Tour beim Landratsamt in Lichtenfels wegen des Glases und anderer Mängel beschwert, was derzeit abgelehnt wurde - wir klagen weiter.)
In Grub am Forst fahren wir vorbei, auch zuvor in Lichtenfels gab es keine Demos, obwohl viele Leute auf dem Marktplatz waren, schade!
In Coburg machen wir eine Kundgebung auf dem Marktplatz, kurze Zeit später in der Einkaufspassage, um mehr Leute auf uns aufmerksam zu machen, was auch klappt. Es wird von den Grünen Politikern und vom BUND Reden gehalten, es wird Theater, Musik und Humtata Humtata (die die da waren, wissen, was ich damit meine ;-) gespielt. Es werden auch fleißig Prospekte ausgeteilt. Dann geht es in unsere Unterkunft. Einen Riesenberg müssen wir noch hinauffahren, das hat sich dann aber auch gelohnt!
Wir dürfen auf einem Demeter-Bauernhof übernachten, den das Mampfmobil für uns spontan organisiert hat, als sie vor einigen Tagen ihr Gemüse dort einkauften. Es gibt auch eine Turnhalle in der Stadt, allerdings ohne Wiese und funktionierende Sanitäranlagen, da diese gerade renoviert werden und mit einem Rummelplatz drum herum, so dass weder für die Räder noch für die Küche Platz gewesen wäre. (Anm. von Herbert Führmann: Ich bin abends in die Turnhalle zurückgefahren. Dort konnte prima geduscht werden, die Sanitäranlagen waren besser als an vielen anderen Stationen.-was ist denn nun richtig?!)
Das Abschlussessen ist wieder total lecker (nur leider viel zu spät am Abend), am Lagerfeuer gibt es Musik, die alljährliche Fundsachenversteigerung, wo ich die CD für die Tänze in der Kiste der Fundsachen entdecke und in Sicherheit bringe. Uli Görtz trägt ein Gedicht/Lied zur Tour vor. Wolfs Geburtstag wird ausgiebig gefeiert, als es 12 Uhr schlägt.
Während der Nacht regnet es leicht...

Sonntag, 4.8.02

Abschied nehmen heißt es heute Morgen. Für die, die nach Berlin fahren, ist der Abschied nur von kurzer Dauer, die sehen sich wieder. Ein großer Teil fährt mit dem Rad nach Lichtenfels, um von dort aus mit dem Zug nach Bad Kösen zu fahren. Ein kleiner Teil fährt mit dem Zug von Coburg aus. In Sonneberg treffen wir uns wieder - Wolli, Katja und ich nahmen versehentlich einen anderen Zug. 15 Uhr treffen wir in Bad Kösen ein - es regnet leicht. Die Strecke ist nicht zu empfehlen - sie ist bergig und auch vom Untergrund her manchmal sehr schlecht. Oben angekommen entschädigt uns die Übernachtung auf einem schönen Ökobauernhof in der Scheune neben den Schweinen auf dem Heu. Die Ferkel sind ganz niedlich. Ich selbst übernachte neben der veganen Morgenlandküche in deren Scheune. Es gibt eine Führung durch den Bauernhof: Mit einer modernen Biogasanlage wird dort auch ganz erfolgreich Ökostrom erzeugt. Sehr spät abends halten wir noch ein Plenum, an dem fast alle teilnehmen.

Montag, 5.8.02
bei Bad Kösen - Naumburg - Halle

Es ist leicht regnerisch und warm.
Der Hänger von Wolli muss repariert werden, Olly und ein weiterer Radler schweißen den bald auseinander fallenden Hänger neu zusammen. Beide treffen wir in Weißenfels wieder an.
Die Straßen sind gut, es gibt einige gut überwindbare Berge - meine Atmung normalisiert sich nach der Trennung vom Mampfmobil schnell!
Ich habe die Idee, die schmutzige Wäsche anderer Radler zu sammeln, mit dem Zug von Weißenfels aus nach Halle zu fahren und dort in einen Waschsalon zu gehen. Es wird von einem Drittel begeistert angenommen und sie geben mir die Wäsche - genug für 2 große 7 kg Maschinen. Durch das Trocknen im Trockner dauerte es sehr lange, bis ich wieder in der nächsten Unterkunft eintreffe. Die Leute haben schon gegessen - Wolli ist ganz lieb und organisiert für mich noch etwas Essen, da für 2 andere genug Essen für drei zurückbehalten wurde. Von einem anderen Radler bekomme ich Salat, den er eigentlich für morgen schon eingepackt hat. Ich muss aber sagen, keiner (!) hat an mich gedacht und bewusst eine Portion Essen zurückbehalten. Naja, ich verzeihe euch ja, hab schließlich doch noch etwas zu essen bekommen...
An diesem Tag essen wir in einem schönen Park in der Nähe des Bahnhofes Weißenfels zu Mittag - mitgebrachte Brotschnitten. Manche nutzen auch den Imbiss und Bäcker im Bahnhof.
Die Gruppe wird langsam größer - es sind viele ehemalige Ostseeradtour - Mitradler dabei. In Halle steigen einige weitere dazu.
In Halle kommt es zu einem Unfall, bei dem Claudia mit dem Fahrrad sich in ein ca. 5 m langes Stück alte Straßenbahnschiene inmitten der regulären Straßenbahnschiene verfängt und stürzt. Der Oberarmknochen ihres (einzigen) Arms ist gebrochen. Sie kann nun leider nicht mehr mitfahren, ihren Sohn Till läßt sie bei uns. (vgl. auch Claudias eigenen Bericht)
Abends findet ein Workshop "Singen" statt.
Für die Übernachtung in dieser Nacht dürfen wir uns auf dem Sportplatz ein buntes Kinderzirkuszelt aufbauen - ich finde noch Platz darin. :)

Dienstag, 6.8.02
47 km Halle - Dessau

Treffen mit Bike+10

Treffen mit Bike+10
Das Wetter sieht zwar nach Regen aus, es regnet aber nicht.
Zu Mittag sind wir auf Gut Möstritz. Hier treffen wir uns mit einer anderen Radtour, die nach Halle fährt. Es ist die Bike+10, die nach Göttingen radeln wollen. Wir übergeben die wandernde "Weichenlampe" mit dem innen liegenden Tagebuch über die Berlintour.
Peter und Ehrenfried versuchen ein Fahrrad eines Bike+10-Teilnehmers zu reparieren, das ist aber nicht so ganz einfach.
Henrike von Bike+10 :)

In Dessau werden wir an einer Kreuzung Zeugen eines weiteren Unfalls, bei dem aber keiner von uns zu Fall gekommen war. Es waren zwei andere Radler, davon stieß einer mit einem Laster zusammen.
In unserer nächsten Unterkunft, einem Umkleidehaus der Sportplätze, machen wir viele Workshops. Der Chor übt wieder mehrstimmig singen, die Musikgruppe sucht nach gemeinsam spielbaren Liedern im eigenen Noten-Fundus und die Radverkehrsplan-Arbeitsgemeinschaft tritt unter Leitung von Kyra in Aktion.

Bueno, Morgenlandküche Am frühen Abend gehe ich noch in die schöne Stadt Dessau, um ein Eis zu essen und die Stadt anzuschauen. Das Abendessen ist heute wieder sehr lecker! Ben, Morgenlandküche

 

Mittwoch, 7.8.02
Dessau - Wörlitzer Parklandschaft - Burg Rabenstein in Raben

Abfahrt in Dessau - vor dem Rathaus machen wir einen Stopp, um mit dem Bürgermeister reden zu können. Dieser hat leider keine Zeit zum Reden, schade!
Vor dem Wörlitzer Park entschließt sich ein Polizist, uns auf dem für Motorräder und Autos gesperrten Weg mit dem Fahrrad zu begleiten. Das war in diesem Jahr das einzige Mal, dass uns ein Polizist auf einem Fahrrad begleitet hat. Er ist uns sehr willkommen, schließlich haben wir dann auch keinen Motorenlärm zu ertragen. An der Grenze zu Brandenburg ist leider Polizistenwechsel, da trennen sich unsere Wege wieder. Heute haben wir viele Kopfsteinpflasterwege, die uns gehörig durchrütteln. Wenn es möglich ist fahren wir dann auf den sandigen Seitenstreifen, die offensichtlich als Radwege damals so gebaut wurden.

Mittagsrast im Wörlitzer Park, Arndt erzählt etwas über diesen Park mit seinen Besonderheiten. Ich steige auf den Kirchturm, wo es auch damals eine Türmerwohnung gegeben hat. Sehr interessant. Das Wetter ist schön, es ist etwas warm und bewölkt, aber kein Regen!

Die Elbe überqueren wir in einer sehr ökologischen Fähre, der Antrieb bestand lediglich aus der Strömung des Flusses. Der Fährmann lässt uns sogar kostenlos hinüber, da muss ich stellvertretend für alle Radler bei ihm an dieser Stelle danken!
In Raben machen wir eine Försterführung, nur die Schnippelgruppe fährt schon voraus auf die Burg Rabenstein hoch.
Wir übernachten auf dem Gelände der Jugendherberge in einem Veranstaltungshaus, wohl einer uralten ehemaligen Burgscheune. Es war etwas eng, aber alle fanden einen Platz.

Widder Karin ;) Bei dem Halt ist auch ein sehr schöner Spielplatz, und ich tobte mich dort spielerisch aus, das ist sehr schön! Ich spiele mit den Geweihen des Försters (schaut doch mal Maltes Fotos an, da ist eines dabei ;-) und dann geht es in den Wald.

Auch an diesem Abend werden fleißig Workshops gebildet und fortgeführt - die Radverkehrsplan-AG, die Plakate-malen AG und die Vorbereitungen für das Buch, das dem Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen überreicht werden soll, laufen an. Ich überlege mir, wie das Bild für dieses Buch zu gestalten wäre.

Donnerstag, 8.8.02
ca. 95 km Burg Rabenstein - Burgheide - Potsdam

Heute fahren wir früher als sonst los, da wir eine sehr lange Strecke vor uns haben. Es ist sonnig und warm. An einem Sportplatz in Burgheide essen wir ausnahmsweise etwas warmes, die Suppe vom Vorabend. Da ich nicht mehr so fit bin, entschließe ich mich als einzige, mit dem Zug nach Potsdam zu fahren. Im Zug treffe ich zufälligerweise Arndt, der wegen einer Erkältung nicht mit dem Fahrrad fuhr.
Trotz langer Strecke und dem heißen Wetter treffen die Radler schon um 17 Uhr an der Halle ein. Sie müssen ganz schön schnell gefahren sein!
Um 18 Uhr ist eine Führung mit dem BUND und mit Dr. Jost Kremmler in den Buga-Park und Wildnisinsel.
Die Übernachtung erfolgt im Treffpunkt Freizeit, einem sehr großen, vielwinkligen Gebäude. Das Foyer des hauptsächlich ebenerdigen Hauses nimmt unsere Plakate-Malaktion vollständig ein. Es werden sehr viele Pappkartons mit Sprüchen bemalt. In einem Nebenraum zeichne ich schnell die beiden Zeichnungen in das Buch für den Herrn Bodewig. Christiane fährt mit dem Buch nach Berlin nach Hause, um mit ihren Stiften das Buch schön zu gestalten und die Forderungen zu schreiben.
Matthias schreibt das Resultat der Radverkehrsplan-AG auf einige Plakate der Tour, die nicht mehr gebraucht wurden. Es wird etwas später auch in das Buch eingeklebt.

Freitag, 9.8.02
ca. 40 km Potsdam - Berlin

Ein schöner warmer sonniger Tag empfängt uns bei der Abfahrt auf dem Alten Markt in Potsdam. Eine kurze Kundgebung mit Dr. Jost Kremmler und einer VertreterIn der Stadt Potsdam ist der Auftakt der heutigen Etappe.

Polizei-Eskorte :( Heute begleiten uns mindestens 12 Polizisten auf Motorrädern - manche reden von 20 Polizisten. Wir kommen uns wie eingekesselt vor und es ist die reinste Lärmbelästigung, wenn rechts und links mindestens 2-3 Polizisten hintereinander fahren. Man kann sich nur mit größerer Lautstärke unterhalten und das läuft so bis zu unserem Ziel, dem Bundesministerium für Verkehr-, Bau- und Wohnungswesen.

An der Glienicker Brücke gibt es eine Aktion des BUND zum Bundesverkehrswegeplan für Wasserwege. Der BUND möchte den Ausbau von 280 km Wasserweg der Havel und andere Flüsse zwischen Hannover, Magdeburg und Berlin für Großraumgüterschiffe verhindern. "Die Äußerungen der Planer, die Glienicker Brücke sei sowieso demnächst baufällig und müsse erneuert werden, ist zynisch. 'Statt die Brücke zu erhalten und zu sanieren, soll hier ein Baudenkmal und Ort weltberühmter zeithistorischer Ereignisse aufgegeben werden.'" (Quelle: Plakat des BUND, auf Fotos von mir und einigen anderen nachzulesen)
Am Flugplatz Tempelhof ein weiterer Vortrag. Hier fordern BI und Menschen im Wohnumkreis die Stilllegung des Flughafens und deren andere sinnvolle Nutzung als Erholungs- und Spielfläche.

Wolf am Potsdamer Platz Auf dem Potsdamer Platz in Berlin findet eine Kundgebung mit Sprechern des BUND und anderen Organisationen/Parteien statt. Es ist zugleich eine Podiumsdiskussion mit den lokalen Verbänden.

Dann geht es weiter zum Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (BMVBW). Dort erwarten uns schon drei Vertreter des BMVBW, es waren Herr Dr. Thilo von Trotha, Ministerialrat, Abt. Zl (Zentrales) als Vertreter von Herrn Bodewig, Pressesprecher des BMVBW, Herr Felix Stenschke und eine Fahrradbeauftragte des BMVBW, Frau ..... (wer hier den Namen weiß, der möge es bitte Ehrenfried sagen). Wir postieren unsere Räder so, dass die Forderungen, die an den Rädern befestigt sind, von den dreien gelesen werden können.

Empfang vorm BMVBW Nach der Eröffnungsrede durch Wolf von Bültzingslöwen meint Herr von Trotha gerade, dass Herr Bodewig leider nicht anwesend sei, um selbst mit uns zu sprechen - doch da taucht unverhofft Peter aus dem Publikum auf und gibt sich als Herr Bodewig aus (sozusagen in seiner Rolle, denn schon auf früheren Touren hat Peter in der Theatergruppe häufiger den "Verkehrsminister" gespielt...;). Es wird von allen sehr belustigt aufgenommen und viel Geklatsche und Gelächter gibt es da. (Herbert aus Duisburg hat alles auf seinem digitalen Tonband aufgenommen - vielleicht kann man später das alles noch einmal anhören.)

Eine kleine Gruppe von Sängern trägt das Lied "Wir sind mobil, um jeden Preis mobil. Mobilität ist unser höchstes Ziel." (Mobilitäts-Reggae von Johannes Wohlfahrt) vor, wer kann, singt den Refrain mit.
Nach einer Einladung vom Herrn Trotha "erstürmen" wir das Ministerium - nur die Treppe hoch. Einige von uns haben die Idee, entgegen den offenbar geltenden Vorschriften das Fahrrad mitzunehmen. (Wir wollen symbolisch aufzeigen, wie schwer es ist, als Radfahrer Zugang zum Verkehrsministerium zu bekommen...) Nach dieser Aktion können wir leider nicht mehr in das Ministerium hinein - es erfolgt aber draußen eine zweistündige angeregte Diskussion mit den drei Leuten vom BMVBW.

(Wir wären auch ohne die Aktion "Wir stürmen das Ministerium mit den Rädern" nicht eingelassen worden. Um mit einer Gruppe in ein Ministerium zu gelangen (selbst auf Einladung des Bundestags) muss Wochen vorher z.B. die Kopie des Personalausweises oder zumindest die Ausweisnummer und etliche weitere Daten eingereicht werden. Der 11. September 2001 lässt grüßen!)

Danach ist unsere Polizeibegleitung weg - wie in Luft aufgelöst. Ich sehe noch, wie ein Polizeiauto wendet und in der uns entgegen gesetzten Richtung wegfährt. Auf dem Weg zu unserer Halle in Nähe der Universität sind wir auf uns gestellt. Kyra, Olly, Wolli und andere noch fitte Radler sperren ab; manchmal zu mehreren bei einer großen breiten Straße. Es klappt ganz gut, es gelingt uns, dass kein Auto an uns vorbei kommt und es passiert daher auch nix. Wir erreichen unsere Halle - viele, die hier übernachten, um am nächsten Tag den Kongress besuchen zu können und in Berlin keine andere Bleibe haben, schütteln den Kopf. Es ist eine der wenigen Hallen auf unserer Tour, die sich in einem schlimmen Zustand befindet. Es ist, als ob hier der Zahn der Zeit genagt hat und keiner mehr bereit ist, auch nur einen Cent in diese Halle zu stecken (Oha, es lebe der Euro!). Das alles hindert die Stadt aber überhaupt nicht, stattliche Gebühren pro Übernachtung zu verlangen, schließlich sei es ja Hauptstadt. Die Sanitäranlagen sind düster und alt, manche trauen sich nicht zu duschen - einige aber haben den Mut dazu. Die Entlüftung der Halle lässt auch etwas zu wünschen übrig. Überrascht entdecke ich am Sonntag, dass sich unter der Sporthalle ein Schwimmbecken befindet - leider ohne Wasser... ;)

Samstag, 10.8.02
Berlin - Kongress zu Aktionsformen für Umwelt- und Verkehrsprotest

Um halb zehn erfolgt die Begrüßung durch den BUND, Axel Friedrich UBA macht einen Einführungsvortrag "Umwelt und Verkehr". Dann folgen nach einer Verspätung 4 verschiedene Workshops. Nach dem Mittagessen, das die Morgenlandküche ins Cafe Krähenfuss der Humboldt-Universität bringt, geht es mit 4 anderen Workshops weiter.
Das Resultat ist meiner Ansicht nach gut.
Nach den Workshops, ich war in Musik und Theater, wird von vielen eine Straßenaktion veranstaltet. Wir Theaterworkshop-Teilnehmer haben mit Johannes Wohlfahrt die Idee dazu entwickelt. Wir gehen von der Humboldt-Universität in einer ganz langen Schlange (mindestens 20 Leute machen mit) über den Park, über die Straße, an der Kirche und dann ins Gauklerfest und zurück. Wir machen Standbilder, bilden Statuen nach, bewegen uns in Zeitlupe, machen "Fotosessions" und als Höhepunkt: eine Zeitlupe auf den letzten 2 Metern einer Fußgängerampel - die so lange dauert, dass die nächste Grünphase kurz darauf wieder schaltet. Manche Autofahrer sind belustigt, andere haben zu wenig Humor ;-) Johannes Wohlfahrt begleitet uns und gestaltet das Ganze.
Am Abend findet die Aktion "Feuer in den Bergen" mit Fackeln auf der Wiese in der Humboldt-Universität statt. Es gibt zuvor leckeres Abschlussabendessen von unserer Morgenland-Küche. Einige haben eine tolle Idee und gestalten mit Teelichterkerzen ein Bild mit unserem Tour-Logo fürs nächste Jahr.
Mit Musik und Tanz im Fackelschein geht der schöne Abend zu Ende, unser letzter mit der Tour de Natur 2002.

Teelichter-Logo (Foto Konni Schmidt)

Sonntag, 11.8.02
Berlin

Nach dem ganz langen Frühstück geht einer nach dem andern in Gruppen oder allein zum Bahnhof, um nach Hause zu fahren. Ich entschließe mich, noch ein paar Tage in Berlin zu bleiben.
Dadurch entkam ich zwar dem strömenden Regen, aber nicht dem Hochwasser... ach, das ist eine Geschichte, die ich ein andermal erzähle... jedenfalls ist das Klima unser nächstjähriges Tourmotto.

Tschüss bis zum nächsten Jahr!

   T  o  u   r    d e    N   a   t   u   r 
Organisator: Grüne Liga Dresden Spenden erbeten! Webmaster: ehr
Erstellt: 2002 URL: www.tourdenatur.net/2002tagebuch.htm letzte Änderung: 19. Oct 2004